К балтийскому и индоевропейскому дативу ед. ч.

Vytautas Mažiulis

Anotacija


ZUM BALTISCHEN UND INDOGERMANISCHEN DATIV SINGULAR

Zusammenfassung

Vorerst ist in Betracht zu ziehen, daß das lit.-lett. uo nicht allein auf das idg. *ō zurück­zuführen ist, sondern sich auch (ausschließlich im Litauisch-Lettischen, nicht aber im Altpreußi­schen) aus dem ursprünglichen u-Diphthong — sowohl aus dem langen wie auch aus dem kur­zen — entwickelt hat (jedoch nicht aus dem idg. *ōu, vgl. J. Kuryłowicz).

In den litauischen Dialekten haben sowohl die o-stämmigen Nomina (z. B. vil̃kas) wie auch die u-stämmigen (z. B. sūnùs) die gleichen Flexionen im Dativ Sg. — (vil̃k)-uo : (vil̃k)-u; (vil̃k)-ui = (sū́n)-uo : (sū́n)-u : (sū́n)-ui.

Die im Beitrag angeführten Argumente sollen Folgendes begründen:

a) die Flexion lit. (vil̃k)-uo (Dat. Sg. der o-stämmigen Nomina) ist ein gemeinbaltischer Archaismus, der nicht idg. *-ōi, sondern ein idg. *-ō (> lett. *-uo, apreuß. sīr-u „dem Herzen“, got. wulf-a u. a.) voraussetzt. Diese o-stämmige Flexion idg. *-ō kann als verlängerter „reiner o-Stamm“ betrachtet werden. Da der „reine o-Stamm“ eigentlich ein „reiner о/e-Stamm“ ist, darf neben dem idg. („Dativ“) *-ō (z. В. lit. vil̃k-uo) auch die „Dublette“ idg. *-ē (z. B. got. hamm-e-h) ange­setzt werden. Vielleicht spiegelt sich auch in der o-stämmigen Flexion des Dat. Sg. mancher indo­germanischen Dialekte die 3. Variante — idg. *-ŏi bzw. *-ĕi (d. h. der „reine o/e-Stamm“ + *i) wider. Diese Frage jedoch wird in unserem Beitrag nicht ausführlicher erörtert, da sie sich mehr auf das Problem des idg. „Lokativs“ als auf das des idg. „Dativs“ bezieht, obwohl wir uns bewußt sind, daß beide Probleme eng miteinander verbunden sind.

b) Fie Flexion lit. (sū́n)-uo (die Form der u-stämmigen Nomina im Dat. Sg.) ist ein allgemein­litauisch-lettischer Archaismus, der (nicht phonetisch) auf das balt. *-ŏu (> aksl. syn-u u. a.) zurückgeht. Neben dem balt. *-ŏu (> lit. sū́n-uo) lag auch eine „Dublette“ balt. *-й (> lit. sū́n-и) vor, d. h. der ablautende „reine u-Stamm“ (balt. *-ŏu) und der nichtablautende „reine u-Stamm“ (balt. *-ŭ), vgl. auch die i-stämmigen „Dubletten“ des Dat. Sg. balt. *-ei (> lit. ãv-ie) und balt. *-i (> lit. ãv-i). Wir erklären im Baltischen die zusätzliche Distribution dieser „Dubletten“ in Anlehnung an die bekannte Theorie von E. Benveniste über die indogermanischen u- und i-Stämme.

c) Die Erscheinung der „Flexionsdubletten“ begann im Dat. Sg. der u- (und i-) Stämme zu schwinden, aber nicht im Gemeinbaltischen, sondern erst in den einzelnen baltischen Dialekten. Die Flexion lit. (vil̃k)-u (die Form des Dat. Sg. in den o-stämmigen Nomina), die weder auf -uo noch auf -ui zurückzuführen ist, scheint das Vorhandensein dieser „Dubletten“ im Urlitauischen zu bezeugen noch eine gewisse Zeit nach dem Übergang (d. h. der Monophthongierung) von balt. *-ŏu zu lit.-lett. *-uo (> lit. sū́n-uo); dabei ist das Entstehen der Flexion lit. (vil̃k)-u wahrscheinlich folgendermaßen zu ekrlären : nach Übergang der u-stämmigen „Dubletten-flexionen“ balt. *-ŏu : *-ŭ zu den lit. -uo : -u erscheint neben der o-stämmigen Flexion lit. -uo (< idg. *-ō) auch die „o-stämmige“ Flexion lit. -u, d. h. lit. (sū́n)-uo : (sū̃n)-u = lit. (vil̃k)-uo : x, wo x = lit. (vil̃k)-u. Die Flexion lit. (sū́n)-ui = (vil̃k)-ui jedoch geht auf die Flexion lit. (sū́n)-u = (vil̃k)-u zurück, die durch das Formans -i erweitert ist; das letztere vollzog sich nicht im Gemeinlitauischen, sondern etwa in den gleichen litauischen Dialekten, in denen heute die Flexion -ui vorliegt. Daraus folgt, daß die Flexionen lit. (vil̃k)-u und (vil̃k)-ui ihrer Herkunft nach nicht o-, sondern u-stämmig sind. Ebenso u- stämmig (wenngleich auch aus anderen Gründen) ist die Flexion aksl. (vlьk)u (Dat. Sg. der o-stämmigen Nomina), die die o-stämmige Flexion sl. *-ā ( = lit. vil̃k-uo < idg. *-ō) ver­drängt hat.

d) Wenn die Flexionen vom Typus lit. (sū́n)-uo < idg. *-ou (*-eu) bzw. lit. (sū́n)-u < idg. *-u und lit. (ãv)-ie < idg. *-ei bzw. lit. (ãv)-i < idg. *-i als urindogermanisch [„reiner

(ablautender oder nichtablaulender) u-Stamm“] anzusehen sind, so dürfen die Flexionen vom Typus aksl. (syn)-ov-i (aksl. -i < sl. *-ei) bzw. apreuß. (dāt)-w-ei (Infinitiv) und aind. (mat)-ay-e bzw. (pat)-y-e als solche nicht betrachtet werden hinsichtlich des zum „reinen (ablautenden bzw. nichtablautenden) u-Stamm“ hinzugefügten Formans *-i (im vorliegenden Falle tritt es in ablautender Form auf — *-ei).

e) Wir nehmen an, daß bereits im Urindogermanischen „die Dativform“ (Sg.) der konsonantischen Stämme (die sonantischen Stämme mit Ausnahme der u- und i-Stämme einbezogen) nicht allein die Flexion „reiner Stamm“ kannte, sondern auch die Flexion „reiner Stamm“ + *i (wo das Flexionsformans *-i auch als *-ei auftreten konnte). Anscheinend hat sich späterhin haupt­sächlich aus dieser Form dieses idg. *-i auf die Formen des Dat. Sg. anderer Stämme verbrei­tet. Das bedeutet, daß es auch zu den anderen „reinen Stämmen“ hinzugefügt wurde: zuerst zu dem „reinen ā- (bzw. ē-) Stamm“, später (in den entsprechenden indogermanischen Dialekten) auch zu den (entsprechenden) anderen „reinen Stämmen“; z. B. in den griechischen Dialekten ist es sogar in dem verlängerten „reinen o-Stamm“ zu beobachten.

DOI: 10.15388/baltistica.3.1.1658

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